Ich kann alleine sein …

Ich kann alleine sein,
ich kann alleine sein,
ich kann alleine …*

Warst du jemals allein irgendwo? Im Kino? Im Theater? Bei einem Konzert? Oder vielleicht in einem Restaurant?
Wenn du diese Fragen mit Nein beantwortest bist du damit wahrscheinlich keine Ausnahme.

Vor etwa einem Jahr habe ich diese Fragen ebenfalls mit Nein beantwortet.

Wenn niemand Zeit hatte habe ich meine Wochenenden lieber zu Hause verbracht, als alleine auszugehen. Ich kam mir komisch vor allein unterwegs zu sein, als ob man mich beobachten würde. Oder denken könnte ich hätte keine Freunde, mich vielleicht sogar bemitleidet – verrückt oder?

[…]
Und unter meinen Füßen ist die Erde ein Laufband,
ich laufe nach vorn und komm trotzdem bloß hier an.
[…]
Genau hier –
hier war ich doch schon letztes Jahr,
ich weiß noch, wie verletzt ich war.
Ich dachte, ich wär weiter,
aber jetzt bin ich schon wieder da.*

An einem dieser Samstagabende war ich im Netz unterwegs und fand einen Text von Julia Engelmann. Ich weiß nicht ob ihr ihre Texte kennt. Wenn nicht schaut einfach hier mal vorbei.

Dieser Text passte einfach in diesem Moment und ich fing an noch ein bisschen mehr darüber nachzudenken. Über das alleine sein. Bedeutet alleine sein gleichzeitig das man einsam ist? 
Zu diesem Zeitpunkt lebte ich seit 10 Monaten in Hannover, in meiner eigenen Wohnung, allein. Meine Familie war zwei Autostunden entfernt in der Heimat. Mein Freund in der Studienstadt seiner Wahl und die meisten meiner Freunde inzwischen über Deutschland und die Welt verstreut. Dennoch war ich nicht einsam. Natürlich hatte ich in Hannover nicht so viele Soziale Kontakte, wie in der Heimat. Aber auch dort gab es Freunde, Kollegen und Bekannte.
Ich war nicht einsam, aber ich war oft allein.

Und was habe ich nicht alles gemacht seitdem!?

Ich hab neue Berge bezwungen,
hab neue Lieder gesungen,
Bin über Schatten gesprungen,
hab mich zum Lachen gezwungen.*

An diesem Samstagabend begann ich damit das alleine sein zu genießen. Das war gar nicht so einfach. Ich las viel, ging spazieren und kochte ganz allein für mich etwas besonderes. Ich ging ins Fitnessstudio – ganz allein – das tat ich sonst nie. Und ich fing damit an bewusst wahrzunehmen wie ich mich in diesen Situationen fühlte.

Und alles bleibt dasselbe – ich zum Beispiel*

Wenige Tage später sah ich das Julia Engelmann nach Hannover kommen sollte, um ihre Texte vorzutragen. Spontan kaufte ich mir eine Karte. Nur eine. Ich fragte keine Freundin ob sie mitkommen wollte und mied Facebook-Posts die nach Begleitungen suchten.
Zwei Wochen später saß ich im Pavillon in Hannover, mit super Blick auf die Bühne und komplett allein in meiner Reihe. Das war ein komisches Gefühl. Um mich herum redeten alle mit ihren Begleitern. Ich saß allein dort. Und jeder sah das ich alleine war, ich unterdrückte den Impuls das Smartphone herauszuholen und irgendeine 0-8-15 Nachricht zu tippen, damit es aussah als sei ich beschäftigt. Ich saß da und wartete.

Und alles bleibt dasselbe – ich zum Beispiel*

Dann ging das Licht aus und die Veranstaltung begann. Es war wirklich toll. Ich kannte die Texte ja nun alle vom Lesen. Vorgetragen war es aber noch einmal etwas komplett anderes. Ich war begeistert.

Das hat mich sehr bewegt. Und dann hatte das Experiment alleine sein ein Ende für mich. Denn ich saß zu Hause, ohne Handy, ohne Fernseher. Ich war alleine und ich war glücklich. Ich habe mir an diesem Abend vorgenommen öfter mal etwas alleine zu unternehmen. Einfach mal einen Abend ganz bei mir selber zu bleiben und mich immer wieder neu selber kennenzulernen.

Und ich singe,
ich kann alleine sein,
ich kann alleine sein, 
Und ja:
Ich kann alleine sein,
sogar besser, als ich dachte,
auch wenn ich glaube,
dass ich dafür nicht gemacht bin.*

Im Oktober erschien Julias zweites Buch, welches auch gleich den Weg zu mir gefunden hat.Es gefällt mir außerordentlich gut. Ich kann mich einfach sehr gut mit den meisten ihrer Texte identifizieren.
Es lohnt sich wirklich da mal reinzuschauen.

pexels-photo-large*Zitate aus Eines Tages Baby … von Julia Engelmann

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8 Comments

  1. 17. März 2016 / 04:00

    Super schön geschrieben! Ich bin auch schon oft alleine unterwegs gewesen. Alleine im Cafe, alleine im Kino. Alleine ins Kino gehen war ein wenig seltsam am Anfang, aber auch das würde sich glaube ich heute ganz normal anfühlen. Mit der Zeit gewöhnt man sich immer mehr daran und genießt es richtig einfach nur mit sich zu sein.
    :)
    Viele Grüße
    Marie

  2. 17. März 2016 / 19:08

    Schöner Post!
    (Auch wenn ich Julia Engelmann so gar nicht ausstehen kann)

    Mir geht es momentan ähnlich, ich bin oft allein. Habe zwar Freunde in Osnabrück, wo ich seit Oktober studiere, aber gerade jetzt in den Ferien sind viele unterwegs. Klar, ich war es auch, aber die meiste Zeit verbringe ich doch in meinem WG-Zimmer, allein da meine Mitbewohnerin ziemlich oft unterwegs ist.
    Aber einsam fühle ich mich (zum Glück) nicht. Als du schriebst, dass man sich manchmal komisch fühlt / fühlen kann, wenn man sich Gedanken darüber macht, was andere denken, wenn man alleine in ’nem Café oder ähnlichem sitzt, musste ich sofort grinsen. Das denke ich mir teilweise auch öfter :D
    Aber witzig ist es schon und ein paar Mal habe ich das schon gemacht, mich alleine mal irgendwo hin gesetzt und ’n Kakao bestellt oder einen Kuchen gegessen oder so. War sehr witzig. :)

    Liebe Grüße
    Moony

    • Sabrina
      17. März 2016 / 21:36

      Wie schön das es mir nicht nur allein so geht. Ich muss auch sagen das ich es inzwischen nicht mehr missen möchte. Ich wohne ja inzwischen mit meinem Freund zusammen und merke das es wirklich wichtig ist mir auch mal Momente nur für mich zu nehmen. Inzwischen genieße ich das allein sein sehr.

      Lg

  3. 20. März 2016 / 22:16

    Finde den Post ebenfalls sehr gut. Ich bin auch häufig alleine unterwegs, manchmal brauche ich das sogar um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Allerdings bin ich mindestens so gerne unter Menschen. Ich finde man sollte ein gesundes Mittelmaß zwischen Beidem finden.

  4. 23. März 2016 / 19:28

    Was für ein schöner Post! Ich finde es toll zwischendurch mal Zeit nur für sich allein zu haben und essen zu gehen, sich einen guten Film im Kino anzusehen etc. Mittlerweile finde ich es auch gar nicht mehr komisch. Was ich mir schon lange vorgenommen habe, ist einmal alleine zu verreisen. Wohin es jedoch genau gehen soll, da bin ich leider noch ziemlich unentschlossen.

    Liebe Grüße

    • Sabrina
      24. März 2016 / 16:54

      Das habe ich mir auch vorgenommen. Alleine war ich noch nie im Urlaub. Wenn es mit dem Geld passt werde ich es vielleicht schon in der Woche nach Ostern ausprobieren.
      Definitiv ein großer Schritt.

      liebe Grüße
      Sabrina

  5. 24. März 2016 / 11:01

    sehr schönes „experiment“. ins fitnessstudio geh ich gern alleine. aber ich kenne das von einigen anderen dingen. ich wollte schon ewig mal allein ins kino. mal sehen :)

    • Sabrina
      24. März 2016 / 16:52

      Einfach ausprobieren!

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